A Cavaliers Legend

GeschichteAbenteuer / P12
22.04.2009
29.12.2017
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23. Mai 3043, St. Jones, Kaserne der Miliz

Es war etwa neunzehn Uhr Ortszeit, als Zorn Kenderson sich des dringlichsten Problems annahm, das er derzeit, zwei Wochen nach den Kämpfen mit Vicomte Medice, noch hatte.
Als es klopfte, ließ er ein lautes „Herein“ hören, das den alten Cranston mit Vaterstolz hätte grinsen lassen. Er war immer ein großer Verfechter der These gewesen, dass Offiziere nicht nur Befehlsgeber, sondern vor allem auch Vorbilder waren. Früher hatten die Offiziere im Feld noch vor ihren Leuten gestanden und waren theoretisch die ersten gewesen, die von den feindlichen Kugeln hätten getroffen werden können, was oft genug auch passiert war. Und so hatte Zorn auch den Kampf geführt, in dem Colonel Cranston und die anderen neun Mechkrieger der Cavaliers hingeschlachtet worden waren. Unter anderem von der Frau, die gerade durch die Tür trat. Unschlüssig kam sie herein, schloss die Tür hinter sich und machte eine etwas zu zackige Drehung, um nicht zu zeigen, dass sie gedrillt worden war. „Sie wollten mich sehen, Herr Major?“
„Ja. Bitte setzen Sie sich, Miss Medice.“
Die junge Frau nahm Platz. Sie hatte zwölf Tage Zeit gehabt, ihren Rücken zu erholen, der ausgerechnet von ihrem Vater mit Hilfe einer Pferdepeitsche misshandelt worden war; der Bericht aus dem Lazarett hatte nicht nur von blutigen Striemen, Entzündungen und Blutverlust gesprochen, sondern auch davon, dass an zwei Stellen die Rippenknochen durchgeschienen hatten, was klar machte, mit welcher Wut Janard Medice zugeschlagen haben musste.
„Wie geht es Ihrem Rücken, Miss Medice?“
„Danke, soweit wieder ganz gut. Ich hatte ein paar Entzündungen und zwei Rippenbrüche. Ohne Ihre MedTechs hätte ich die Woche wohl nicht überlebt.“
„Das freut mich zu hören. Sind Sie also reisefähig?“
Ilona Medice nickte zögerlich.
„Ich weiß, ich habe Ihnen angeboten, uns zu begleiten und uns gegen Ihren Vater zu helfen, aber...“
„Falls Sie Bedenken haben oder glauben, sich mit mir ein Kuckucksei ins Nest zu holen, kann ich Sie beruhigen. Ich wurde von Medice adoptiert. Ich bin nicht sein leibliches Kind.“
„Das ist nicht, was ich meinte, aber sprechen Sie weiter. Kaffee? Tee? Wasser?“
„Wasser, bitte. Wir sind die letzten beiden Wochen nicht dazu gekommen, mehr als ein paar Worte miteinander zu reden, deshalb hatte ich keine Gelegenheit, Ihnen dieses doch recht wichtige Detail mitzuteilen.“
„Und warum hat er Sie adoptiert, Miss Medice? Oder bevorzugen Sie lieber Ihren alten Namen? Ich kann das arrangieren.“ Zorn stand auf, ging zum Couctisch, nahm eine frische Wasserflasche und schenkte eines der Gläser voll. Anschließend stellte er das Glas vor ihr ab. Für sich selbst füllte er eine große Tasse mit schwarzem Kaffee und nahm wieder Platz.“
„Nun, ich bin MechKriegerin, wie Sie sicherlich bemerkt hatte, und Janard hielt es für eine gute Idee, mich auf diese Weise an sich zu binden.“ Sie legte den Kopf schräg. „Papadopoulus. Ich hätte nicht gedacht, dass der Name für mich jemals wieder einen positiven Klang haben würde.“
Zorn hob eine Augenbraue. „Papa... Sollten wir nicht doch bei Medice bleiben?“
„Nein. Nein, Sir, die Idee gefällt mir. Allerdings können wir den Namen etwas abkürzen. Er ist eine Abwandlung von Pappas und ich kann damit leben, so angesprochen zu werden. Wissen Sie, Papadopoulus hieß bei mir Zuhause jede dritte Familie. Sie war eine Sammelbezeichnung, kein richtiger Nachname.“
„Pappas. Einverstanden. Miss Pappas also. Janard Medice sah also die Notwendigkeit, eine MechKriegerin an sich zu binden?“
Sie nahm einen Schluck Wasser und rollte ihn einen Moment im Mund. „Was ich Ihnen jetzt sage, wird Ihnen nicht gefallen. Er hat mich adoptiert, weil er mich brauchte. Ich sollte seine MechKrieger ausbilden und seine Einheit führen. Wissen Sie, ich bin mit Auszeichnung von Sanglamore zurückgekommen, und auf diese Akademie kommen nicht sehr viele Leute. Anschließend habe ich mich drei Jahre in einem Feldkommando bewährt. Sie erinnern sich an den '39er Krieg? Ich war mittendrin, mit der 2. Lyraner. Habe mir dort den Leutnant erkämpft und zwei Auszeichnungen erhalten. Ich hatte sogar die Chance auf meine eigene Kompanie, für etwa fünf Minuten. Dann wurde mir nämlich ein Muttersöhnchen mit den richtigen Eltern vor die Nase gesetzt, den ich auch noch babysitten sollte. Tja, und in diese wundervolle Stimmung platzte das Angebot von Janard, dass ich meine eigene MechKompanie aufbauen durfte und von ihm adoptiert werden konnte. Damals habe ich mir nichts Verwerfliches dabei gedacht. Ich habe wirklich geglaubt, damit wollte er mich ausschließlich ans Handelshaus binden. Was bei der Investition ja auch kein Wunder ist. Ich dachte damals echt, ich hätte es geschafft. Also nahm ich meine Entlassungspapiere, reiste nach Thule zurück, schaute bei meiner Familie rein und erklärte ihr, was ich für Medice tun sollte und was ich dafür bekommen sollte. Sie müssen wissen, er hat noch eine leibliche Tochter und einen außerehelichen Sohn. Zumindest soweit ich weiß. Es ging also nie wirklich um seinen Titel, eher um Loyalität. Aber da hatte der Name Medice noch einen guten Klang, und meine Familie war begeistert.“
Zorn nickte ihr zu als Zeichen, dass sie fortfahren sollte.
„Also ging ich auf das Angebot ein, wurde adoptiert, bekam erst meinen eigenen Mech, und später dann dreizehn weitere Maschinen unterschiedlichen Alters und unterschiedlichen Wartungsstandes. Mechs sind nicht billig, nicht mal die alten Modelle.“
„Ich weiß.“
„Es war aber die Grundlage, um meine Kompanie aufzubauen. Ich ging mit elf Mechs, und behielt die anderen drei als Ersatzmaschinen oder für Ersatzteile. Sie wissen ja, wie das ist, obwohl die Nachfolgestaaten wieder mehr Mechs bauen.“
Zorn nickte verstehend.
„Dann bekam ich das Material. Also die MechKrieger. Die Akten waren frisiert und schön geschrieben, aber damals dachte ich, dass das Schlimmste, was ich mit ihnen würde tun müssen, die Verteidigung eines Handelsposten sein würde. Sie gaben sich recht gut und entwickelten sich viel versprechend. Die meisten zumindest. Red, also mein Stellvertreter, vom Vicomte persönlich zugeteilt, war ein kleiner, intriganter Bastard, der dazu neigte, die Leute zu schinden und seine angehobene Stellung auszunutzen. Er hat zwei meiner Kriegerinnen belästigt und bei der Infanterie, die auf meinem Stützpunkt trainierte, war er auch nicht gerade beliebt. Es heißt, er hat eine der Frauen mit Verweis auf seinen Rang auf seine Stube abgeschleppt und sie vergewaltigt. Ich habe das bei Janard vorgebracht, aber laut ihm ginge mich die Infanterie nichts an, und außerdem sei die Soldatin ein Luder, das es mal gebraucht hatte. Sie können sich vorstellen, dass ich mehr als irritiert war, einerseits als Kompaniechefin, andererseits über meinen Adoptiv-Vater. Solche Worte hatte er mir gegenüber nie ausgesprochen.“
Sie trank ihr Glas leer. „Und dann kam dieser Einsatz. Unser erster. Als wir losflogen, hieß es noch, meine Truppe, die Infanterie und die Panzer wären für eine Schutzmission gedacht. Also meine elf einsatzbereiten Maschinen, zwei Lanzen Panzer und ein Kontingent Infanterie.
Als wir dann auf St. Jones ankamen und die ersten Briefings hatten, mitten im Gebirge in einem provisorischen Feldlager, nicht auf einem Raumhafen oder bei einer Handelsniederlassung, wurde Ihre Einheit, Sir, als Ziel einer Operation genannt, die Piraterie eindämmen sollte. Sie wären eine vogelfreie Einheit. Dementsprechend plante ich meinen Teil der Operation. Wir gingen also mit allen Mechs und einer Lanze Panzer rein, und das Ergebnis kennen Sie.“
„Ja. Beide Einheiten haben sich gegenseitig ausgelöscht. Sie und der Kreuzritter konnten entkommen.“
„Sieben meiner Mechkrieger haben es raus geschafft, leider auch Red Tompson, aber nur zwei meiner Maschinen. Dafür, dass Sie in unseren Hinterhalt geraten sind, haben Sie sich verdammt gut gewehrt. Vor allem dieser Tomahawk hat in meinem Team gewütet wie ein Berserker. Ich gehe davon aus, dass Sie da drin gesessen haben?“
Zorn nickte. „Ich hatte die Ehre, unter anderem den Marodeur Bekanntschaft mit meiner Titanstahlaxt machen zu lassen. Und noch ein wenig mehr. Reden Sie weiter.“
„Als wir uns also zurückzogen, besiegt, geschlagen, den Schwanz zwischen den Beinen, war die Situation eine vollkommen andere. Janard hatte die Maske fallen gelassen und redete Klartext. Vollkommen unverblümt machte er klar, dass ich es nicht mit schlecht gewarteten, überalterten PiratenMechs zu tun gehabt hatte, sondern mit einer Garnisonslinientruppe mit herausragenden Piloten.“
„Na, danke für die Blumen.“
„Sie hatten dank der Panzer zweihundert Tonnen Nachteil, gerieten dank dieses Versicherungsmanns in einen Hinterhalt und gingen trotzdem als Sieger vom Feld.“
Zorn zog die linke Augenbraue hoch. „Im Prinzip haben Sie Recht, aber Sieger sehen eigentlich anders aus. Weiter.“
„Jedenfalls sprach Janard das erste Mal vom Depot und davon, dass ComStars Einrichtung zerstört werden musste, damit Sie niemanden zu Hilfe rufen konnten. Wäre es nach ihm gegangen, dann hätte er auch gleich die ganze Hauptstadt ausgelöscht. Leider bekam Duvalle das alles mit, und bevor wir uns versahen, hatte er die Karte für das Depot geklaut und war stiften gegangen. Einer der Infanteristen hatte noch auf ihn geschossen, aber die Hoffnung Janards, dass er tot umfallen möge, erfüllte sich nicht.
Dann überschlugen sich die Ereignisse, und er befahl den Angriff auf ComStar. Ich weigerte mich. Daraufhin ließ Janard mich anbinden und prügelte mich wegen Ungehorsam krankenhausreif. Den Angriff führten dann Tompson und Chan aus. Dabei verletzte sich Tompson durch seine eigene Dusseligkeit, sodass bei der Schlacht am Depot ich wieder ins Cockpit musste. Janard hatte mir sehr deutlich klar gemacht, auf welche Seite ich schießen sollte, wenn ich von einem Planeten runter kommen wollte, der mich als Piratin an der nächsten Laterne aufknüpfen würde. Sie verstehen?“
„Ja, ich denke, ich verstehe, Miss Pappas. Den Rest der Geschichte kenne ich. Die Frage, die ich Ihnen stellen muss, ist nun: Sind Sie fit für den Kampf?“
Sie streckte ihren Rücken durch, bewegte beide Schultergelenke und grinste dann sehr undamenhaft. „Bereit für den Einsatz, Sir.“
„Dennoch. Sie müssen verstehen, dass ich Ihnen aus moralischen Gründen ein Angebot machen muss.“ Er ergriff einen Umschlag und reichte ihn ihr. „Dieser Umschlag beinhaltet das Planspiel für Ihren Abgang aus der Einheit. Binnen eines Tages kann ich alles umsetzen. Neue Identität, ein Flug in ein System Ihrer Wahl, großzügiges Reisegeld, alles mit ROM abgesprochen. Sowohl ich als auch ComStar sind davon überzeugt, dass Sie keine Bedrohung für ComStar sind, geschweige denn meine Einheit. Wen Sie ansonsten in Ihrem Leben bedrohen werden, wird davon abhängen, bei wem Sie anheuern werden. Tatsächlich liegt mir eine Anfrage von Comte Medice vor, der direkt nach Ihnen fragt und uns bittet, sollten Sie in Gefangenschaft geraten sein, Sie an Haus Medice zu überstellen. Offenbar hat der Hausrat nicht nur ein paar Fragen an Sie, sondern auch einen praktischen Nutzen, weil sich die Medices an der Jagd auf Janard beteiligen wollen.“
„Natürlich, es winkt ja auch ein ansehnlicher Gewinn“, murmelte sie mehr zu sich selbst. „Danke, Sir, für das Angebot, aber ich lehne ab. Für dieses Mal. Reden wir noch einmal drüber, wenn wir Janard zur Strecke gebracht haben oder uns sicher sein können, dass er nie wieder in die Innere Sphäre kommt. Bis dahin bin ich Ihr Mann, Sir.“
„Also gut.“ Zorn zog den Unschlag wieder zurück. „Dann habe ich Arbeit für Sie, First Lieutenant Pappas. Sie kriegen die Kampflanze und bleiben erst mal auf dem Victor. Er ist einsatzfähig?“
Die junge Frau lächelte. „Jawohl, Sir! Ich habe jede freie Minute damit verbracht, bei der Instandsetzung zu helfen.“
„Gut. Später, wenn wir die neuen Leute kriegen, werden wir schauen, wie sich Ihre Lanze letztendlich zusammensetzen wird und ob Sie noch wechseln werden. Ich will eine effiziente Lanze.“
„Die werden Sie bekommen. Aber...“
„Sprechen Sie offen, Miss Pappas.“
„Mein Status in der Einheit... Bisher werde ich als Gefangene geführt.“
„Das ist ab sofort obsolet. Verabschieden Sie sich von Ihren permanenten Aufpassern. Sie sind mit Offizierswürden eingestellt. Das ist mit allen Teileinheitsführern abgesprochen. Aber...“ Nachdenklich sah er die junge Frau an. „Aber sehen Sie zu, sich eher selten alleine in dunklen Ecken herumzutreiben. Es werden uns zwar viele Zivilisten verlassen, die ihre Angehörigen in der Schlacht verloren haben, aber von denen, die bleiben, halten genug Sie für eine Mörderin. Ich kann und will Sie nicht rund um die Uhr bewachen, weil ich Sie dann auch nicht in einen Mech lassen dürfte. Aus dem gleichen Grund kann ich Sie auch nicht dauerhaft beschützen lassen.“
„Ich verstehe. Wie also soll ich mich verhalten, falls ich angegriffen werde?“
„Angemessen, Lieutenant.“
„Das kann vieles bedeuten, oder auch nichts, Sir.“
Zorn beugte sich ein Stück zu ihr herüber. „Sehen Sie die erste Zeit zu, dass Sie sich nicht in ausweglose Situationen ohne Fluchtweg manövrieren. Falls Sie doch in eine solche Sackgasse geraten, dann müssen Sie selbst abschätzen, ob und wie sehr Ihr Leben gefährdet ist, und was Sie tun können und müssen, um es zu beschützen.“
Die junge Frau nickte. „Okay.“
„Sie gehen jetzt selbstständig zur Kleiderkammer rüber und holen sich einen Satz Uniformen mit Ihren neuen Abzeichen. Anschließend holen Sie sich an der Waffenkammer eine Seitenwaffe. Das ist bei uns eine Autopistole. Sie sind für diese Waffe verantwortlich, und auch für die standardmäßig ausgegebene Munition. Sehen Sie zu, dass sie niemals aus versehen losgeht. Anschließend haben Sie meine Erlaubnis, weiterhin bei den Mechs auszuhelfen, bis Sie eine tatsächliche Aufgabe bekommen. Solange wir auf St. Jones sind, besteht Ihre Lanze nur aus Ihnen, Miss Pappas. Das wird sich ändern, und dann werden Sie zu tun haben. Das verspreche ich Ihnen.“
„Danke, Sir. Verstehe, Sir. Ich nehme an, Sir.“
„Gut, dann machen Sie sich jetzt auf den Weg.“
Sie erhob sich, salutierte und machte dann eine Kehre, die jeden Kadetten neidisch hätte aufsehen lassen. Irrte sich Zorn, oder ging sie ein ganzes Stück aufrechter auf dem Weg hinaus?
Unschlüssig sah er auf die Tür, die sich hinter Ilona Pappas schloss. „Wenn das mal eine gute Idee war“, raunte er mehr zu sich selbst.
***
„Und dann...“, sagte Oberst Kalakov unter lautem Lachen, „...dann habe ich dem Söldnerbrütling gesagt, dass ich mich freue, seine Mechs und seine Leute in den Dienst der Konföderation Capella stellen kann. Ich hätte gerne sein Gesicht gesehen, als er mich das sagen gesehen hat!“ Daraufhin lachte er noch lauter, und seine Leute fielen ein.
„Aber Oberst, Ausländer hin oder her, sollten wir der Depotgeschichte nicht zumindest nachgehen?“
Juri Kalakovs Gelächter erstarb, und so erstarb auch das Lachen seiner Offiziere. „Duong Ahn Chau, wären Sie nicht die verantwortliche Maskirovka-Offizierin meiner Einheit, würde ich Sie auslachen. So aber ist es Ihre Pflicht, skeptisch und aufmerksam zu sein.“
Die groß gewachsene blonde Frau verzog ihre Miene kaum, als sie diese harsche Kritik traf. Sie war es gewohnt, gerade als Siamesin, schlechter behandelt zu werden und es schwerer zu haben, wenn sie Karriere machen wollte, und das hatte wenig mit ihrem Geschlecht zu tun. Aber was Kalakov da sagte, war mehr als die naturgegebene Arroganz, die die meisten Han-Chinesen ihr eigen nannte. Es war genauso gut, als wenn er aufgestanden wäre, mit dem Finger auf sie gezeigt und zu lachen begonnen hätte. Sie nahm all ihre Courage zusammen, bewahrte ihre volle Würde und sagte: „Herr Oberst, Sie wissen, dass Larsha Aufmarschgebiet der Vereinigungskriege war. Es ist durchaus möglich, dass Major Kenderson Recht hat mit seinem Versorgungsdepot. Und wenn er Recht hat mit dem Versorgungsdepot, dann kann dieser Vicomte Medice hier her kommen und auf Larsha wüten, wie er es auf St. Jones getan hat. ComStar war sehr freigiebig mit Informationen, und...“
„Vicomte Medice hat erstens eine Menge Federn gelassen und praktisch keine militärische Macht mehr, er ist zweitens vor fast zwei Wochen von St. Jones aufgebrochen. Sie wissen, wo St. Jones liegt, Major Duong?“
„Am Rande des Plejaden-Clusters.“
„Das ist wie weit von Larsha entfernt?“
„Ziemlich genau einhundert Lichtjahre.“
„Selbst wenn er also sofort aufgebrochen und auf dem Weg hierher wäre, würde er mindestens drei Sprünge brauchen, falls er überhaupt über ein eigenes Sprungschiff verfügt. Er ist mindestens sechs Wochen mit Aufladezeiten unterwegs. Davon sind gerade zwei verstrichen. Was hat er noch? Zwei Mechs und eine Lanze Panzer? Weniger?“
„Eher weniger, Oberst.“
„Nichts, womit wir nicht fertig werden würden. Wir haben ein ganzes Regiment Infanterie, und jedes Bataillon hat eine Sprungtruppenkompanie und einen Zug Mechabwehr. Dazu kommen unsere zwei Kompanien Kampfpanzer.“
„Die aber ebenso wie die Infanterie über den Planeten verteilt sind“, gab sie zu bedenken. „Und wir wissen nicht, ob Medice keine Reserven in der Hinterhand hat.“
„Zugegeben, das wissen wir nicht“, warf Hauptmann Harrison Wong ein, „und ich stimme Duong zu, dass wir die Depotgeschichte ernst nehmen sollten, alleine schon wegen dem Ruhm, den wir dem Kanzler einbringen, wenn wir einen ähnlichen Fund machen wir ComStar auf St. Jones. Aber es bleibt, wie Oberst Karakov beschrieben hat. Der Vicomte ist weit weg. Selbst wenn er unsere Welt als erstes Ziel nach seinem Scheitern ausgesucht hätte, wäre er noch mindestens vier Wochen entfernt. Wir haben also genug Zeit, die Archive zu durchsuchen auf Spuren der Pionierkommandos des Sternenbunds. Wenn sie in abgelegenen Gegenden gewühlt haben, hätten wir Spuren zu einem tatsächlich vorhandenen Depot.“
Einerseits war sie dem Chef der 1. Panzerkompanie dankbar für seine Intervention. Die Manchus waren eben toleranter als die arroganten Han. Andererseits hatte er sie nicht wirklich verteidigt und nachgebetet, was Karakov gesagt hatte. Allerdings war die Idee, die Archive nach Pionieraktivitäten zu durchsuchen, wirklich gut.
Dem Oberst gefiel die Idee offensichtlich sehr gut. Er strahlte geradezu. „Das ist brillant, Harry. Und weil es Ihre Idee war, übernehmen Sie das mit Ihrem Stab. Wenn Sie das Depot tatsächlich finden, werde ich dafür sorgen, dass Sie nach Sian fliegen und ausgezeichnet werden.“
„Danke, Herr Oberst. Das ist eine große Ehre.“
„Noch haben Sie nichts gefunden. Also freuen Sie sich nicht zu früh. Duong, ich nehme an, es wäre eine gute Idee, wenn Sie ihm dabei zur Hand gehen. Sie und Ihre Schleicher sind es ja gewohnt, Daten zu sichten und auszuwerten, also werden Sie Harry eine große Hilfe sein. Derweil bereite ich unsere Truppen darauf vor, eventuell mit diesem Kenderson Zorn konfrontiert zu werden.“
„Zorn Kenderson, Herr Oberst“, korrigierte Duong.
„Das habe ich doch gesagt“, erwiderte er verärgert. „Aber auch dafür haben wir mehr als genügend Zeit, denn die Cavaliers stehen noch immer auf St. Jones. Na los, an die Arbeit, Harry, Major Duong.“ Mit diesen Worten schickte er sie aus dem Büro.

Draußen auf dem Gang sagte sie: „Danke für die Unterstützung da drin, Hauptmann.“
Wong winkte ab. „Ich denke, der Oberst freut sich viel zu sehr über den Streich, den er diesem Zorn gespielt hat und vergisst dabei die Möglichkeit, die er uns eröffnet hat. Es gibt das Depot auf St. Jones, und es war reich gefüllt. Wenn die gleiche Chance für Larsha besteht, dann weiß mittlerweile die halbe Innere Sphäre davon. Und jeder, der es sich leisten kann, wird die Chance nutzen wollen. Deshalb ist es eine gute Idee, wenn wir zuerst am Depot sind.“ Er sah sie an. „Die nächsten Wochen könnten aufregend werden, Duong Ahn Chau. Das Depot auf St. Jones soll einen Wert von fast dreihundert Millionen ComStar-Noten gehabt haben, davon fast zweihundert Millionen für die Ausrüstung. Ich sage Ihnen, jeder militärische Führer, egal ob Capellaner, Pirat oder aus der Peripherie, würde sich zu gerne an dieser Summe gesund stoßen.“
„Dann unterschätzt Oberst Karakov die Situation definitiv.“ Nicht, dass sie das nicht von vorne herein gewusst hatte. Dass Wong ähnlich dachte, dass er ein potentieller Verbündeter war, das war für sie eine angenehme Überraschung.
„Ja, das tut er. Es gibt etliche Einheiten, die an Larsha sehr viel näher dran sind als der Vicomte es sein könnte. Taurus zum Beispiel ist nur zwei Sprünge entfernt.“
„Nicht viele werden das Risiko eingehen, eine ganze Welt absuchen zu müssen, um eventuell mitten in feindlichem Gebiet ein Depot zu finden.“
„Und viele werden es dennoch tun. Unsere Raumüberwachung ist nicht lückenlos, das wissen Sie am Besten. Bis vor kurzem waren wir ja auch nur eine unbedeutende Agrarwelt mit Grenzbastion. Aber jetzt gibt es hier etwas zu holen. Und just in dieser Zeit musste die 5. Reserve Kavallerie ihr 2. Bataillon abziehen.“
Duong sah, wie Wong die Hände zu Fäusten ballte. Die Ruhe, die er im Büro gezeigt hatte, sein spöttisches Gelächter, war das alles nur Fassade gewesen, hatte er erkannt, dass sie nun tatsächlich in Gefahr schwebten?
„Was, denken Sie, würde jemand tun, der auf dieser Welt ungestört nach dem Depot suchen will?“, fragte sie.
„Natürlich das Militär ausschalten. Zuerst die 5., und danach unsere Miliz, die eh nur aus Infanteristen und veralteten Panzern besteht. Je eher wir also in die Innere Sphäre hinausposaunen können, dass wir das Depot gefunden und seine Vorräte dem Kanzler zu Füßen gelegt haben, desto besser für uns alle.“
„Ich denke da genauso wie Sie. Ich denke... Lang, was ist denn?“

Aufgeregt kam ihr einer ihrer Mitarbeiter entgegen gelaufen. Er winkte mit einem Zettel in der Linken. Und er war augenscheinlich etwas außer Atem. „Ma'am, wir haben eine Notlandung auf Dubai. Wie es ausschaut, ist ein Overlord, das Handelsschiff MINH TAU, wegen Triebwerksschwierigkeiten fünfzig Klicks vom Raumhafen niedergegangen.“
„Und? Was ist daran besonderes? Soll ich jetzt ein Suchkommando losschicken, nur weil ein Händler zu geizig war, um die Wartung seines Schiffs zu finanzieren?“, erwiderte sie. Da kam noch mehr, sie wusste es, aber ein wenig Arroganz gegen die Untergebenen tat gut, vor allem wenn sie sich für schlauer hielten.
„Ein Overlord als Handelsschiff? Und dann kommt es nach Larsha?“, fragte Wong argwöhnisch.
Ihr Bericht über die Miliz, vor allem über den Chef der 1. Panzerkompanie, würde sehr wohlwollend ausfallen, beschloss sie.
„Das ist es nicht mal. Viel wichtiger ist, dass ich die Computer befragt habe. Es gibt keine MINH TAU. Auch ComStar ist so ein Schiff nicht bekannt, zumindest nicht als Overlord.“
„Der Handelshafen von Dubai liegt zwanzig Klicks von der Kaserne der 5. entfernt, oder?“, fragte Wong.
„Und der Overlord ist ziemlich genau unter dem Horizont gelandet, nicht zu weit und nicht zu nahe“, bestätigte Duong. „Gehen wir in die Zentrale. Ich will, dass Dubai einen VTOL schickt, der das Landungsschiff sucht. Dies ist eine militärische Erkundungsmission, keine zivile Rettungsaktion. Falls auf Dubai bereits Rettungskräfte ausgesandt wurden, sollen sie sofort zurückgezogen werden. Das ist eine Anweisung der Maskirovka. Ich übernehme die volle Verantwortung.“
„Jawohl, Ma'am!“ Jeremy Lang salutierte und lief zurück.
„Wenn es wirklich ein Absturz ist, machen Sie sich nicht gerade Freunde, Duong“, warnte Wong.
„Und wenn es ein Landungsschiff voller Söldlinge ist, die gerade auf dem Marsch zur Kaserne der 5. ist, um die Einheit bei einem Überraschungsangriff auszulöschen, dann hat die Kasernenwache heute noch einen sehr schlechten Tag. Kommen Sie, Wong.“
Die beiden gingen weiter, nicht hastig, aber auch nicht gemächlich.
„Offensichtlich wissen sie nicht, dass das 2. Bataillon abgezogen wurde und das 3. erst in vier Wochen kommen soll, sonst hätten sie zuerst einen Milizstützpunkt angegriffen – falls Sie Recht haben. Sollten wir nicht mit dem Oberst sprechen?“
„Ohne einen realen Beweis in der Hand? Nein. Die erste Abfuhr hat mir gereicht. Außerdem können wir bei falschem Alarm den Ball flacher halten. Trotzdem, fragen Sie in der Zentrale nach weiteren Landungsschiffen, die nicht da niedergegangen sind wo sie sollten. Wer mit einem Overlord kommt, hat eventuell auch noch einen Union oder einen Seeker. Oder zwei.“
„Wollen wir's mal nicht hoffen. Ein Overlord alleine kann ein ganzes Bataillon bedeuten“, brummte Wong. „Sollen wir ihn informieren, wenn sich der Verdacht bestätigt?“
„Den Oberst? Natürlich.“
„Nein. Oberst Karakov natürlich auch. Ich dachte an Zorn Kenderson. Das wäre nicht mehr als fair.“
Sie dachte für einen Moment darüber nach. „Ja. Sobald etwas passiert, informieren Sie via ComStar das Oberkommando, das Regionalkommando, und Major Kenderson. Falls der HPG nicht auch angegriffen wird.“
„Eieieieieiei, ich kriege Kopfschmerzen. Sie trauen unseren nichtbestätigten Plünderern ja eine Menge zu.“
„Dreihundert Millionen C-Noten, haben Sie gesagt. Meine Großmutter müsste dafür sehr lange stricken und bekäme die Bürgerrechte zweimal verliehen, Wong.“
„Argument.“
***